Wird das Handwerk damit zur besonders interessanten Zukunftsperspektive für die nächste Generation? Treibt die Sorge vor KI junge Menschen ins Handwerk?
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt. Viele Jugendliche fragen sich, welche Berufe in Zukunft noch gebraucht werden. Während Computer immer mehr Aufgaben übernehmen, bietet das Handwerk etwas, das sich nur schwer digitalisieren lässt: praktisches Können, Kreativität und Lösungen, die direkt vor Ort gebraucht werden. Wird das Handwerk damit zur besonders interessanten Zukunftsperspektive für die nächste Generation?
Ein Beruf, der heute gefragt ist – aber in zehn oder zwanzig Jahren noch existiert? Diese Frage beschäftigt nicht nur Jugendliche, sondern auch ihre Eltern. Künstliche Intelligenz schreibt Texte, erstellt Bilder, analysiert Daten und übernimmt zunehmend Aufgaben, für die bislang Menschen gebraucht wurden. Was bedeutet das für die Berufswahl? Eine aktuelle repräsentative Sinus-Jugendstudie im Auftrag der BARMER zeigt, dass die Unsicherheit wächst: 24 Prozent der befragten 14- bis 17-Jährigen sehen ihre persönlichen beruflichen Pläne durch KI gefährdet. 2023 waren es noch 17 Prozent. Gleichzeitig nutzen inzwischen 48 Prozent der Jugendlichen KI regelmäßig oder täglich – mehr als doppelt so viele wie noch 2023. Die Digitalisierung ist also längst im Alltag der jungen Generation angekommen. Doch vielleicht lohnt sich gerade deshalb ein Blick auf Berufe, bei denen nicht alles am Bildschirm stattfindet.
Was KI (noch) nicht kann: vor Ort Probleme lösen
Eine KI kann einen Heizungsplan entwerfen. Sie kann Fehlercodes auswerten, Material berechnen oder einen Bauplan optimieren. Aber wenn die Heizung im Keller ausfällt, ein Dach undicht ist oder eine elektrische Anlage vor Ort überprüft werden muss, braucht es Menschen, die die Situation beurteilen und praktisch handeln können. Ein Dachdecker muss Wind, Wetter und die baulichen Gegebenheiten berücksichtigen. Eine Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik muss erkennen, warum eine Anlage nicht richtig funktioniert. Ein Elektroniker muss komplexe Systeme installieren, prüfen und sicher in Betrieb nehmen. Ein Kfz-Mechatroniker verbindet mechanisches Wissen mit digitaler Diagnose. Hier zeigt sich die Stärke des Handwerks: Es verbindet Wissen mit praktischem Können. Es geht nicht nur darum, eine Aufgabe theoretisch zu lösen, sondern darum, sie unter realen Bedingungen umzusetzen. Das bedeutet nicht, dass KI am Handwerk vorbeigeht. Im Gegenteil: Digitale Planung, intelligente Diagnose, automatisierte Fertigung und KI-gestützte Assistenz werden auch hier immer wichtiger. Wer heute einen Handwerksberuf erlernt, sollte deshalb nicht nur mit Werkzeugen umgehen können, sondern auch offen für neue Technologien sein.
Die Zukunft gehört nicht unbedingt denen, die KI ersetzen können – sondern auch denen, die wissen, wie man sie sinnvoll einsetzt.
Handwerk ist mehr als eine Alternative zum Studium
Das Handwerk wird häufig noch immer unterschätzt. Dabei ist es ein bedeutender Wirtschaftsbereich mit hervorragenden Entwicklungsmöglichkeiten. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In Deutschland gibt es rund eine Million Handwerksbetriebe. Dort arbeiten etwa sechs Millionen Menschen. Rund 346.000 junge Menschen absolvieren eine Ausbildung im Handwerk. Im Jahr 2025 erwirtschaftete die Branche einen Umsatz von rund 783 Milliarden Euro. Auch die Vielfalt ist beeindruckend: Vom Baugewerbe über Elektrotechnik und Fahrzeugtechnik bis hin zu Lebensmittelhandwerk, Gesundheitshandwerk und kreativen Gewerken reicht das Spektrum. Wer eine Ausbildung beginnt, entscheidet sich zudem nicht für eine berufliche Sackgasse. Meisterabschluss, Technikerqualifikation, Betriebswirt des Handwerks, Spezialisierungen oder die Übernahme eines eigenen Unternehmens eröffnen weitere Wege. Auch ein Studium ist nach einer entsprechenden beruflichen Qualifikation möglich.
Wo besonders viel Zukunft im Handwerk steckt
Die sieben Gewerbegruppen des Handwerks zeigen, wie breit die Branche aufgestellt ist. Die folgenden Zahlen stammen aus der Handwerkszählung 2024 des Statistischen Bundesamtes und verdeutlichen die wirtschaftliche Bedeutung der einzelnen Bereiche.
| Gewerbegruppe | Tätige Personen in Deutschland | Umsatz 2024 |
| Bauhauptgewerbe | ca. 827.000 | 137,9 Mrd. € |
| Ausbaugewerbe | ca. 1,64 Mio. | 213,1 Mrd. € |
| Gewerblicher Bedarf | ca. 1,67 Mio. | 139,4 Mrd. € |
| Kraftfahrzeuggewerbe | ca. 633.000 | 177,2 Mrd. € |
| Lebensmittelgewerbe | ca. 563.000 | 49,1 Mrd. € |
| Gesundheitsgewerbe | ca. 222.000 | 20,9 Mrd. € |
| Privater Bedarf | ca. 435.000 | 24,1 Mrd. € |
Quelle: Statistisches Bundesamt, Handwerkszählung 2024. Die Angaben umfassen auch tätige Unternehmerinnen und Unternehmer.
Besonders spannend sind die Bereiche, in denen technische Entwicklung und gesellschaftlicher Wandel unmittelbar zusammenkommen:
* Energie und Gebäudetechnik: Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik sowie Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik gestalten die Energieversorgung und moderne Gebäude mit.
* Bau und Ausbau: Maurer, Zimmerer, Dachdecker, Maler und Lackierer sorgen dafür, dass gebaut, saniert und modernisiert werden kann.
* Mobilität: Kfz-Mechatroniker arbeiten längst nicht mehr nur mit Schraubenschlüssel und Motoröl, sondern auch mit Hochvolttechnik, Software und digitaler Fehlerdiagnose.
* Metall und Maschinen: Metallbauer und Land- und Baumaschinenmechatroniker verbinden handwerkliches Geschick mit anspruchsvoller Technik.
* Lebensmittelhandwerk: Bäcker und Fleischer stehen für Qualität, Kreativität und Produkte, bei denen Erfahrung und handwerkliches Können entscheidend bleiben.
* Gesundheitshandwerk: Augenoptiker, Hörakustiker, Orthopädietechnik-Mechaniker und Zahntechniker verbinden Präzision, Technik und den direkten Nutzen für Menschen.
Gute Chancen für den Einstieg – auch in Südbrandenburg
Im Kammerbezirk Cottbus waren zum Jahresende 2025 insgesamt 1.875 Auszubildende registriert. 902 Betriebe bildeten aktiv aus. Zum 30. September 2026 verzeichnete die Handwerkskammer Cottbus 699 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge. Besonders gefragt sind unter anderem Elektroniker, Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie Kraftfahrzeugmechatroniker. Auch die Bilanz des gesamten regionalen Ausbildungsmarktes zeigt, dass sich ein genauer Blick lohnt: Zum 30. September 2026 waren bei der Agentur für Arbeit Cottbus noch 388 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz gemeldet. Gleichzeitig waren 303 betriebliche Ausbildungsstellen unbesetzt. Das zeigt: Nicht immer finden Betrieb und Bewerber automatisch zusammen. Wer sich frühzeitig informiert, verschiedene Berufe ausprobiert und auch kleinere Ausbildungsbetriebe in Betracht zieht, kann interessante Möglichkeiten entdecken.
Eltern sollten nicht nur auf den Schulabschluss schauen
Gerade bei der Berufswahl spielen Eltern eine wichtige Rolle. Viele wünschen sich für ihre Kinder einen sicheren Arbeitsplatz und gute Entwicklungsmöglichkeiten. Nicht selten wird dabei das Studium als vermeintlich sicherster Weg angesehen. Doch ein guter Schulabschluss ist keine Garantie für eine passende berufliche Zukunft. Entscheidend ist, welche Fähigkeiten ein junger Mensch mitbringt, was ihn interessiert und in welchem Umfeld er seine Stärken entwickeln kann. Wer gerne praktisch arbeitet, technische Zusammenhänge versteht, kreativ ist oder sichtbare Ergebnisse seiner Arbeit schätzt, sollte das Handwerk unbedingt kennenlernen. Auch Abiturientinnen und Abiturienten können dort ihren Weg finden. Und vielleicht ist gerade die Frage nach der KI ein guter Anlass, gemeinsam über Alternativen nachzudenken: Muss es wirklich ein Beruf sein, bei dem man acht Stunden vor dem Bildschirm sitzt? Oder ist es nicht genauso attraktiv, etwas zu bauen, zu reparieren, zu gestalten und am Ende des Tages zu sehen, was man selbst geschaffen hat?
Erst ausprobieren, dann entscheiden
Die beste Berufsorientierung findet nicht allein am Schreibtisch statt. Ein Praktikum kann mehr über einen Beruf verraten als viele Stunden Internetrecherche. Wie fühlt sich der Arbeitsalltag auf einer Baustelle an? Welche Aufgaben übernimmt ein Elektroniker? Wie arbeiten moderne Kfz-Werkstätten? Und wie viel Technik steckt heute tatsächlich in einem Handwerksbetrieb? Schülerpraktika, Ferienpraktika und Gespräche mit Auszubildenden bieten die Gelegenheit, Antworten auf diese Fragen zu finden. Viele Betriebe freuen sich über junge Menschen, die Interesse zeigen und einmal hinter die Kulissen schauen möchten.
Die Handwerkskammer Cottbus unterstützt Jugendliche und Eltern bei der Berufsorientierung und bei der Suche nach passenden Ausbildungsbetrieben.
Vielleicht beginnt die berufliche Zukunft nicht mit der Frage, welcher Beruf durch KI verschwindet – sondern mit der Entdeckung dessen, was man selbst besonders gut kann.
Und dafür lohnt sich ein Blick ins Handwerk.
Dein Weg ins Handwerk
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