Um die Betriebsnachfolge hat sich Günter Lehnigk »zum Glück« nie wirklich Gedanken machen müssen.50 Jahre Tischlerhandwerk in Spremberg-Weskow
Es sind 50 Jahre vergangen, seit sich Günter Lehnigk am 1. April 1976 in Groß Buckow selbstständig gemacht hat. Der Vater hätte ihn zwar lieber als Traktorist in der Landwirtschaft gesehen, denn schon in früher Jugend hatte Sohn Günter nach der Schule auf dem Feld und im Stall helfen müssen. Später hat der Vater eine kleine Tischlerei übernommen, »und ich durfte helfen«. Dass er Freude Betriebsinhaber sowie Tischlermeister am Tüfteln hatte, merkte der junge Mann schnell. Als feststand, dass der Heimatort Groß Buckow dem herannahenden Tagebau Welzow-Süd weichen musste, siedelte die Familie Lehnigk nach Spremberg-Weskow um. »Wir haben damals Holz selbst geschnitten und ins Sägewerk gebracht«, erinnert Lehnigk auch daran, dass für 1.000 Ostmark Umsatz lediglich 0,25 Kubikmeter Holz genehmigt wurden. Material sei nach Volkswirtschaftsplan zugeteilt worden.
Dennoch entschied sich der Junior, mit einer kleinen Werkstatt in die Selbstständigkeit zu gehen. »Ich wollte dem Vater zeigen, was ich kann.« Zu den Konsumgütern, die der Staat gefordert hatte, gehörten in der Tischlerei Lehnigk vornehmlich Schlaf- und Wohnzimmermöbel. In den 1980er-Jahren hatte sich in der Region schließlich herumgesprochen, dass in Weskow Schreibtische und dann auch Schrankwände, die nicht von der Stange waren, hergestellt wurden. »Wir waren mit unserem Angebot schon speziell«, sagt der 78-Jährige bescheiden. Als Obermeister der Tischler-Innung war er mit fünf Kollegen in den Westen gefahren und hatte bei Berufskollegen in Wolfach im Schwarzwald ein Schlüsselerlebnis. Die ganze Nacht sei mit dem dortigen Obermeister darüber diskutiert worden, wie es weitergehen sollte. »Wir haben uns neue Maschinen angesehen, die wir nur vom Hörensagen kannten«, fügt Günter Lehnigk hinzu. In Weskow baute er in der Folge die Werkstatt um und aus.
Präsidentin Corina Reifenstein beim Übermitteln der Glückwünsche
Mit einem Kredit von 250.000 D-Mark wurde Anfang der 1990er-Jahre die erste CNC-Technik angeschafft. »Ich war davon überzeugt, dass es ohne computergestützte Maschinen auch im Tischlerhandwerk keine Zukunft geben wird«, erinnert er sich. Inzwischen gehören die damals angeschaffte computer-gestützte Zuschnittsäge, das CNC-Bearbeitungszentrum oder die Kantenumleimmaschine zu alltäglichen Arbeitsmitteln für die Handwerksmeister und Gesellen in der Werkstatt.
Sven Albrechtsen und Günther Lehnig
Lebenswerk wird weitergeführt
Um die Betriebsnachfolge hat sich Günter Lehnigk »zum Glück« nie wirklich Gedanken machen müssen. Denn seit 1990 arbeitet sein Schwiegersohn Sven Albrechtsen mit im Unternehmen. Er ist verheiratet mit Tochter Susann. Albrechtsen hat vom Elektriker in der Kohle zum Tischler umgeschult. Gemeinsam haben sie oft 14 Stunden in der Werkstatt zugebracht, um Kundenwünsche zu erfüllen und das Unternehmen am Laufen zu halten. Zudem managte Albrechtsen mehr und mehr das Unternehmen. »Es ist Günters Lebenswerk, welches ich weiterführen darf«, sagt der 53-Jährige, der seit 2000 seinen Meisterbrief besitzt und 2014 den Betrieb übernommen hat. Beide bezeichnen sich als gut funktionierendes Team, fahren regelmäßig zu Messen, um sich über den Stand der Technik zu informieren. Was Sven Albrechtsen in jüngster Vergangenheit immer öfter auffällt: Kunden wollen Möbel, die sie liebgewonnen, aufgearbeitet haben. »Das freut uns natürlich. Wir machen das gern.« Genauso, wie die regelmäßige Weiterbildung der Mitarbeiter seit Jahrzehnten zur Philosophie des Unternehmens gehört, ist die Ausbildung Herzenssache. Im Jahr 2007 sind sie dafür mit dem Ausbildungspreis der Handwerkskammer Cottbus und 2011 mit dem Ausbildungspreis des Landes Brandenburg ausgezeichnet worden. Das silberne sowie das goldene Ehrenzeichen wurden Günter Lehnigk für die großen Verdienste im Interesse des Handwerks verliehen. Verantwortlich für die Azubis ist auch weiterhin der Altmeister. Aktuell sind sie vier Meister, ein Geselle und drei Lehrlinge in der Werkstatt. »Wir sind überqualifiziert«, witzelt Günter Lehnigk und verweist darauf, dass bisher schon acht Tischler aus der Weskower Werkstatt den Meisterbrief hier erworben haben. Heute kann Günter Lehnigk auf 52 Auszubildende verweisen, die in der Werkstatt am Heidefrieden in Spremberg-Weskow den Tischler-Beruf erlernt haben – darunter sechs Mädchen. »Wer soll denn den jungen Leuten unser Handwerk beibringen, wenn wir es nicht tun?«
Text: Christian Taubert