Prof. Dr. Martin Neumann
FDP-Fraktion im Bundestag

"Klimaschutz braucht preiswerten Strom"

Interview des Monats: Prof. Dr.-Ing. Martin Neumann

Wir brauchen einen Wettbewerb der Energieträger. Das sagt Prof. Dr.-Ing. Martin Neumann, Sprecher für Energiepolitik der FDP-Bundestagsfraktion. Im Interview mit dem Deutschen Handwerksblatt erklärt er, wie die Energieversorgung der Zukunft aussehen könnte.



DHB: Herr Prof. Neumann, Sie hatten über Facebook folgenden Beitrag geteilt: Zu 0 Prozent trägt eine installierte Photovoltaikanlage zur Sicherheit der benötigten Energieversorgung bei. Deutschland steigt aus Kernkraft und Kohle aus. Müssen wir uns in Deutschland künftig Sorgen um die Versorgungssicherheit machen?

Martin Neumann: Wir brauchen im Jahr 8.760 Stunden Energie, wenn wir unser Land rund um die Uhr versorgen wollen. In Deutschland haben wir durchschnittlich knapp 1.000 Sonnenstunden im Jahr. Bei Onshore-Windanlagen sind es 2.000, bei Offshore knapp 5.000 Stunden. Es bleibt eine große Lücke. Dafür brauchen wir einen breiteren Mix von Energieträger.

Wenn wir jetzt aus der Kernenergie und bis 2038 aus der Braunkohleverstromung aussteigen, schalten wir ungefähr 48 Gigawatt Leistung ab. Diese muss so ersetzt werden, dass CO2-Emissionen eingespart werden. Die Bundesregierung hat den Fehler gemacht, viel zu lange nur auf die zwei Energieträger Wind und Sonne zu setzen. Das reicht nicht aus. Jetzt müssen wir nachlegen.



DHB: Könnten Sie das bitte näher erläutern?

Martin Neumann: Mit dem Erneuerbaren-Energie-Gesetz (EEG) werden bisher immer nur Einzeltechnologien gefördert. Das ist falsch. Wir müssen in Zukunft viel stärker auf systemische Lösungen setzen, das heißt volatile Energie – wie Sonne und Wind – an Speicher koppeln. Es gibt Zeiten, da wird der erzeugte Strom nicht benötigt. Bisher wird er meist verschenkt. Das muss nicht sein. Der Strom könnte in andere Energieformen, zum Beispiel Wasserstoff, umgewandelt werden.

Mein Ansatz ist: Keine Kilowattstunde darf verloren gehen oder verschenkt werden. Die Sektorenkopplung muss viel stärker – notfalls für einen kurzen Zeitraum auch mit Förderung – in den Mittelpunkt rücken. Moderne Speichertechnologien oder die Verwendung von Strom für die Sektoren Verkehr und Wärme können dadurch dazu beitragen, die regenerativ erzeugte Energie besser zu nutzen, das System damit effizienter zu machen und den Ausstoß von Treibhausgasen zu begrenzen.

 

DHB: Handwerksbetriebe beklagen seit langem die Ungerechtigkeit beim EEG-Gesetz. Ein großer Bäcker zahlt 400.000 Euro nur an EEG-Umlage im Jahr, ein industrieller Tiefkühlbäcker 200 Kilometer weiter hingegen nicht. Wie steht es aus ihrer Sicht um das EEG?

Martin Neumann: Schon in unserem Wahlprogramm aus dem Jahr 2017 fordern wir Freie Demokraten, das EEG abzuschaffen. Wir reden hier von 160 Milliarden Euro, die gezahlt wurden, ohne große Effekte zur Reduzierung von CO2-Emissionen zu bekommen. Das ist reine Planwirtschaft. Jeder Unternehmer müsste da zucken. Es gibt ja kein Risiko. Ich produziere eine Kilowattstunde und bekomme garantiert die Vergütung, die ich vereinbart habe. Das bringt uns nicht weiter.

In der Corona-Krise wurde die Wirtschaft durch den Lockdown heruntergefahren. Der Börsenstrom fiel, weil keine Nachfrage da war. Das einzige, was den Strompreis dennoch hochgehalten hat, war die EEG-Umlage. 60 Prozent vom jetzigen Strompreis sind Steuern, Umlagen und Netzentgelte.

Wir brauchen ein neues System – und eine gründliche Reform von Steuern und Umlagen. Wir brauchen einen Wettbewerb emissionsarmer  Energieträger. Wenn man Umwelt- und Klimaschutz machen will, braucht man preiswerten Strom. Nehmen wir das Beispiel Wärmepumpe. Angenommen für eine Wärmepumpe kostet die Kilowattstunde Strom nur 5 Cent. Wir hätten einen Boom für solche Anlagen. Davon würde auch das Handwerk profitieren. Und man würde dank der modernen Technologien und der Nutzung von Umweltenergie auch noch CO2 einsparen.

 

Smart Home Energiewende
Denys Prykhodov - Fotolia



DHB: Der Bundestag hat mit Stimmen der Koalition und der Grünen wegen des Klimaschutzes eine Abgabe auf den Treibhausgas-Ausstoß der Brennstoffe von 25 Euro pro Tonne CO2 beschlossen. Damit soll der Strompreis durch eine Kürzung der Abgabe für erneuerbare Energien gedämpft werden. Es geht mit dem EEG also weiter. Eine gute Entscheidung?

Martin Neumann: Nein. Wir als FDP-Fraktion haben dagegen gestimmt. Ein festgesetzter planwirtschaftlicher CO2-Preis ist gerade für mittelständische Unternehmen wirtschaftsschädlich. Wir brauchen ein völlig neues System. Jetzt ist die Frage, wo das Geld herkommt, um diesen Umbau voranzutreiben. Wir brauchen ein marktwirtschaftliches System über die deutschen Grenzen hinaus. Es gilt, sich jetzt sehr dafür starkzumachen, den Handel mit Emissionszertifikaten voranzutreiben. Zudem muss der Strompreis von überbordenden Steuern und Umlagen befreit werden.

Jetzt versucht man, die Kompensation des Strompreises über das nationale Brennstoffemissionshandelsgesetz zu machen. Da gibt es so viele Ausnahmen; es ist viel zu kompliziert. Wirklich verändert wird nichts. Und das schadet nur unserer Wirtschaft. Wir brauchen hier einen europäischen, wenn nicht sogar einen globalen Ansatz.

 

DHB: Wenn die FDP nächstes Jahr gewählt und in einer Regierungskoalition mitarbeiten wird, geht es ran ans EEG?

Martin Neumann: Absolut. Die EEG-Novelle aus dem Jahr 2017 ist eine reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Rechtsanwälte. Es ist technisch unübersichtlich, kompliziert und bürokratisch. Keiner versteht es so richtig. Das müssen wir ändern, schon jetzt mit der vorliegenden EEG Novelle.



DHB: Neben dem EEG, ist der Netzausbau ein wesentlicher Baustein der Stromwende. Es dauert Jahrzehnte, wenn das bisherige „Schnecken-Tempo“ beibehalten wird. Sind neue Stromtrassen der richtige Ansatz?

Martin Neumann: Mir fehlt jegliche Fantasie, wie wir die noch verbleibenden 6.000 Kilometer Stromleitung planungs-, baurechtlich und auch baupraktisch regeln können. Wir brauchen stattdessen intelligente Lösungen. Ein Netz wird dann intelligent, wenn innerhalb des Netzes ein Informationsaustausch erfolgt, mit dessen Hilfe die Stromerzeugung, der Verbrauch und die Speicherung dynamisch gesteuert werden können. Konkret heißt das: Ein Haushalt erzeugt nicht nur Strom und speichert diesen, sondern bedient zusätzlich Netze und lädt im besten Fall sogar ein Elektrofahrzeug. Dafür brauchen wir vor allem die Digitalisierung. Da haben wir noch großen Nachholbedarf.

In Reallaboren werden viele Anwendungen getestet. Diese Labore dürfen nach der Projektförderung nicht einfach abbrechen; sie müssen weiterentwickelt werden. Das vorhandene Know-how muss stärker ausgereizt werden.

 

DHB: In der Vergangenheit wurde viel Wert auf die Energieerzeugung und weniger auf Energieeinsparung gelegt. Gebäude bieten viel Potenzial für Einsparungen. 30 Prozent des CO2-Ausstoßes und über 40 Prozent des Primärenergieverbrauchs entfallen alleine auf diesen Bereich. Hier kommt das Handwerk ins Spiel. Welche Rolle kann aus ihrer Sicht das Handwerk bei der Energiewende spielen?

Martin Neumann: Das Handwerk hat hier eine Schlüsselrolle. Wir haben bisher beim Thema Energiewende immer über die Stromwende gesprochen. Der Anteil des Stroms am Gesamtenergiemarkt liegt bei 20 Prozent. Die Hälfte davon sind erneuerbare Energien. Wir haben also noch 90 Prozent offen.

Der Wärmemarkt und der Gebäudesektor sowie der Verkehr bieten riesige Einsparpotenziale. Die müssen wir endlich heben. Am Ende geht es um den Gesamtenergieeinsatz. Nehmen wir das Beispiel Dämmung: Nicht jede Hauswand muss gedämmt werden. Es geht darum, sinnvoll zu dämmen. Zugleich muss man sich immer die Heizung mit anschauen. Gebäude und Technik müssen also viel stärker als ein System betrachtet werden.

Hier braucht es qualifizierte Energieberatungen durch qualifizierte Handwerker. Denn sie machen eine Gesamtberatung. Sie geben dem Bauherrn ein Gesamtkonzept an die Hand. Er kann das dann – je nachdem wie das Geld vorhanden ist – schrittweise umsetzen. Wenn man das dagegen nicht macht, entsteht Stückwerk: Eine Sanierungsmaßnahme steht der anderen im Wege. Das schadet dem Gesamtergebnis.

 

DHB: Sie hatten das Thema Heizungen schon kurz angesprochen. Welches Potenzial schlummert in diesem Bereich?

Martin Neumann: Hier liegt das größte Potenzial bei der Energieeinsparung. Das muss auch nicht immer viel Geld kosten. Viel wichtiger ist, die Heizungsanlagen optimal auf das jeweilige Gebäude abzustimmen. Oft sind Heizungsanlagen doppelt oder dreimal so groß dimensioniert wie nötig. Hier schlägt die Stunde des Handwerks: Man braucht gut ausgebildete und qualifizierte Fachkräfte. Die Aus- und die Weiterbildung müssen wir deshalb viel stärker fördern.

 

Zur Person

  • Diplom-Ingenieur Maschinenbau
  • geb. am 27.01.1956 in Vetschau/Spreewald
  • 2 Kinder, evangelisch
  • seit 2009 mit Unterbrechung von 2013 bis 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages
  • Mitglied im Ausschusses für Wirtschaft und Energie
  • energiepolitischer Sprecher der FDP Bundestagsfraktion
  • Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger und Energieberater


DHB: Das Gebäudeenergiegesetz wurde verabschiedet. Sie kritisieren es „als wenig sinnvoll“. Woran genau machen sie Ihre Kritikpunkte fest und welche Lösungsansätze hätten Sie?

Martin Neumann: Ich bin gegen Planwirtschaft. Die Lebenswirklichkeit sieht anders aus: Die Realität kann man nicht mit Geboten und Verordnungen abbilden. Wir müssen das Ziel definieren. Das kann zum Beispiel eine gewisse CO2-Emission sein, die nach der Sanierung nicht überschritten werden darf. Welchen Weg Bauherren oder Handwerker gehen, um dieses Ziel zu erreichen, ist ihre Sache. So kommen wir zu individuellen Lösungen.

 

DHB: Auch die Energieeffizienz in den Betrieben ist ausbaubar. Das Handwerk besteht aus vielen kleineren Betrieben. Dort fehlen Zeit und Personal, sich mit den komplexen Förderprogrammen auseinanderzusetzen bzw. diese richtig einzusetzen. Bräuchten wir nicht auch einen Durchbruch beim Thema „einfache, bürokratiearme“ Förderprogramme?

Martin Neumann: Absolut. Manchmal habe ich das Gefühl, dass man einen Berater, am besten einen Anwalt braucht. Ich glaube, das alles geht viel einfacher. Wie gesagt: Das Ziel muss definiert sein, der Weg nicht. Geben wir den Menschen mehr Eigenverantwortung. Die Handwerker wollen einfach nur ihre Arbeit machen. Und diese Freiheit müssen wir ihnen geben durch Technologieoffenheit. Ich bin dagegen, dass man vom grünen Tisch in Berlin aus entscheidet, was Bauherren einbauen dürfen. Das lehne ich ab.

 

DHB: Ein weiteres umstrittenes Projekt ist die Gastrasse Nord Stream 2. In einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche plädieren sie für ein Moratorium, sprechen sich aber gegen einen Baustopp aus. Können sie das bitte nochmals kurz erläutern?

Martin Neumann: In Deutschland steigen wir aus der Kernkraft und der Braunkohle aus. Jetzt brauchen wir – um Versorgungssicherheit zu haben – Energieträger, die unabhängig vom Wetter sind und diesen längeren Prozess begleiten. Damit fällt Erdgas eine strategische Rolle zu. Deutschland hat europaweit die höchsten Energiepreise. Die müssen wir senken. Dazu gehört auch eine breitere Energiebasis, also nicht nur PV- und Windkraftanlagen.

Wir als FDP-Fraktion sind den Menschenrechten verpflichtet. Nehmen wir den Fall Nawalny. Da verlangen wir Aufklärung und sprechen uns für gezielte Sanktionen gegen handelnde Personen, nicht gegen Russland per se aus. Wir sind aber auch der Auffassung, dass die Trasse fertig gebaut werden soll. Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern auch um eine sichere Energieversorgung. Russland war bisher immer ein zuverlässiger Energiepartner. Das wird auch so bleiben. Im Übrigen verhandeln wir leider nicht nur mit Demokratien – denken sie zum Beispiel an Saudi-Arabien. Damit müssen wir umgehen, und ich halte es für wichtig, diese Prozesse zu gestalten.

 

DHB: Nun sind drei russische Schiffe in Sassnitz-Mukran eingetroffen. Die Trasse scheint vollendet zu werden. Polen klagt gegen Gazprom. Die Trasse scheint für den deutschen und europäischen Markt unheimlich wichtig zu sein, wenn man dennoch an dem Projekt festhält. Wie wichtig ist sie für Europa?

Martin Neumann: Es ist ein europäisches Projekt und Deutschland hat dabei keine sonderlich gute Rolle gespielt. Man hat sich viel zu spät mit den europäischen Partnern abgestimmt. Mittlerweile liegen alle Genehmigungen vor. Es wäre jetzt fatal, das Projekt abzubrechen. Da geht es nicht zuletzt auch um Schadenersatzansprüche.

Nord Stream 2 dient einer Verbreiterung des europäischen Energiemarktes. Es geht hier um Zuverlässigkeit. Wir brauchen einen europäischen Verbund. Wir brauchen die Fertigstellung für Europa.

 

DHB: Der Mordanschlag auf Herrn Nawalny bringt Putin in ein schlechtes Licht. Russland hat die Krim annektiert, er agiert in Syrien, im Jemen. Kann und soll man die wirtschaftliche Zusammenarbeit strikt von Themen wie Menschenrechte, Freiheiten usw. trennen?

Martin Neumann: Wie gesagt: Wir stehen ganz klar zu den Menschenrechten. Wir verlangen die Aufklärung im Fall Nawalnys. Das muss dann auch geahndet werden.

Die Energiepolitik ist ein geopolitisches Thema.  Wir stehen in wirtschaftlichen Beziehungen zu Demokratien, aber auch zu Diktaturen. Ich finde es besser, wenn man solche Beziehungen hat und auch darüber Einfluss behält. Auf diese Weise bleibt man im Gespräch, verhandelt miteinander. Das ist immer besser, als gar keine Kontakte zueinander zu haben. Das Interview führte Michel Havasi