Handwerkskammer ehrt Traditionsbetrieb. Tochter Karen führt den Betrieb seit 2020 in vierter Generation.Was in einer kleinen Werkstatt begann - Ein Jahrhundert Tischlerei Tasche in Ruhland.
Max, Gerhard, Werner und nun Karen – die Namen stehen für eine 100-jährige Familientradition. Wer in Ruhland und Umgebung Möbel, Fenster, Türen und Treppen in Auftrag geben oder eine Reparatur erledigen lassen wollte, wer beim Hausbau Hilfe vom Fachmann brauchte – der fand bei der Tischlerei Tasche stets einen zuverlässigen Partner. Vom 1. Januar 1926 an bis heute. In der Werkstatt der Ruhlander Breitscheidstraße ist es wie in vielen Handwerksbetrieben der Region: Werner Tasche steht mit 71 Jahren noch immer an den Maschinen. Es fällt ihm schwer loszulassen. Dabei hat der Altmeister einen großen Vorteil, was die Betriebsnachfolge betrifft. Er konnte sein Unternehmen – sein von Großvater und Vater übertragenes Lebenswerk – 2018 an seine Tochter Karen übergeben.
Weil Neugründungen zu diesem Zeitpunkt gefördert wurden, hat die inzwischen 39-jährige Karen Tasche-Günther das Gewerbe neu angemeldet. Seither sind die Firmenautos mit dem Logo KTG versehen. »Darauf hat mich ein befreundeter Werbeprofi gebracht«, sagt die als Tasche-Günther verheiratete neue Chefin und verweist auf die Ex-Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, die wegen des sperrigen Namens oft nur AKK genannt wurde. Und der Name Tasche blieb damit auch in der vierten Generation der Tischlerei erhalten. Gegründet hatte den Betrieb Urgroßvater Max, der zunächst in seinem Beruf in Meißen arbeitete. Der Liebe wegen sei er nach Ruhland umgesiedelt, weiß die Frau des Altmeisters Regina Tasche (67), die sich vor Jahren einer Chronik gewidmet hatte. Max habe eine kleine Werkstatt gebaut, in der es auch einen Raum zum Wohnen gab. Später erst war das Haus dazu gekommen.
Sohn Gerhard musste, nachdem er 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, den Betrieb übernehmen. Riesengroß war in den 1950er- und 1960er-Jahren vor allem der Bedarf an Möbeln. Hinzu kam auch für den Handwerksbetrieb Tasche die Bautischlerei. Dem Bestreben des sozialistischen Staates, auch seine Tischlerei in eine Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) umzuwandeln, hat sich Gerhard Tasche widersetzt. »Er wollte selbstständig bleiben«, sagt dessen Sohn Werner. Und als der Staat Ende der 1950er Jahre in einem engen Zeitkorridor Selbstständigkeit unterstützte, »nutzte mein Vater die Gelegenheit«. Seit 1978 standen schließlich zwei Handwerksmeister in der Ruhlander Werkstatt. Mit Werner Tasche war die dritte Generation bereit, die Tischlerei in die Zukunft zu führen. Der Junior erinnert sich: »Wir hatten von 1965 bis 1990 einen staatlichen Großauftrag. Für den Möbelring Lauchhammer stellten wir tonnenweise Schubkästen für Schränke her, die in den Westen verkauft wurden.« Als Werner Tasche dann 1988 die Tischlerei vom Vater übernahm, konnte er nicht ahnen, welch Umbruch auf ihn, die Familie und die Mitarbeiter zukommen würde. Am Traditionsstandort Breitscheidstraße entstand zunächst ein Neubau. Doch mit der Wende musste auch der Maschinenpark komplett modernisiert werden. Insgesamt 240.000 D-Mark Kredite nahm der Chef auf. Was die Neuanschaffungen betrifft, hatte er Tipps von Berufskollegen aus Bayern beherzigt, mit denen er im Urlaub Kontakt suchte. Sie rieten ihm »keine Spezialisierung auf Fenster und Türen zuzulassen, sondern den Maschinenpark breit gefächert aufzustellen«. Dieser Rat, so Werner Tasche, sei Gold wert gewesen.
In der Meisterwerkstatt, in der in Spitzenzeiten nach der Wende bis zu 14 Mitarbeiter (mit Hilfskräften) beschäftigt waren, erledigte Werner Tasche jetzt mit meist fünf bis sechs Gesellen nahezu alle Kundenwünsche. Die Bautischlerei gewann in den Nachwendejahren an Bedeutung. Türen, Treppen und Sondermöbel wurden zur Spezialität. In der Tischlerei haben sie gespürt, dass die Region weiß, was sie am Meisterbetrieb Tasche hat. »Wir haben immer ausgebildet. Aber junge Leute für den Tischlerberuf zu gewinnen, wurde immer schwieriger «, verweist Werner Tasche darauf, dass junge Leute kaum noch mit dem Handwerk in Berührung kommen. Dies zu ändern, hat sich die Geschwister-Scholl-Oberschule Ruhland auf die Fahnen geschrieben. Sie bietet vier bis fünf Schülerpraktika in Betrieben an. »Darüber haben wir jüngst unseren Lehrling gefunden«, freut sich Karen Tasche-Günther, seit 2020 die neue Chefin. Dass sie den Traditionsbetrieb in vierter Generation übernehmen würde, war für die Eltern, aber auch die Tochter selbst, lange klar. Sie erzählt, dass der Holzplatz praktisch ihr Spielplatz gewesen sei. »Ich bin in und mit der Werkstatt aufgewachsen.« Mutter Regina fügt hinzu, dass Karen schon mit zwölf Jahren Tischlerin werden wollte. Das Handwerkliche habe ihr gelegen. Nach der Lehre in Görlitz (bis 2009) ließ sie 2015 ihren Meisterabschluss folgen. »Ich wollte eigene Sachen bauen, selbstständig arbeiten«, verweist sie zugleich auf ihr »persönliches Gesellenstück«, den alleinigen Umbau ihrer Wohnung. Gemeinsam mit dem Vater hat sie bereits eine Reihe Großaufträge erledigt. So bei der Sanierung des Schlosses Großkmehlen, wofür neue Türen und Fenster gebaut und 1.000 Quadratmeter Holzfußboden verlegt wurden. Oder mit der (Dauer)-Baustelle des Kaufhauses Senftenberg sowie dem Umbau einer Grundschule im Ruhlander Ortsteil Arnsdorf zu einem Wohnhaus. Spuren der Tischlerei Tasche und KTG eines ganzen Jahrhunderts.